17.03.1999 Neue Luzerner Zeitung (Iwona Meyer)

Otto Kohler über Zeitungswelt und Kunst, Technik und Handarbeit - und sich selbst

Mit den Göttern flirten

Otto Kohler, der Mann im unauffälligen braunen Anzug,liebt Farben. Als Künstler schätzt er die Eile, als Gestalter der Neuen LZ wappnet er sich mit Geduld.

Ô. Colère nennt er sich. Zorn? Wut? Arbeitswut. Das passt. Denn Ô. Colère – oder für die Medienwelt Otto Kohler – zeichnet eine erstaunliche Produktivität aus. Der «Neuen Luzerner Zeitung» hat er nach der Fusion der LNN mit der LZ vor kurzem schon zum zweitenmal ein neues grafisches Outfit verpasst. Das Farbkonzept stammt von ihm. Die Schrift. Das «Mein Luzern»-Signet zum Beispiel. Das «Löwenzahn»-Piktogramm Und die Seite, die Sie gerade lesen, hat er auch gestaltet. Davor, dazwischen und daneben zeichnet Otto Kohler als Cartoonist und Karikaturist für «Cash», für die «Schweizer Illustrierte» und für «L'Hebdo», er entwirft Grafiken für den «Beobachter», «Facts» und «Bilanz», er erstellte das Layout für das «Obwaldner Wochenblatt» und für die polnische Zeitschrift «Przyjaciólka», er konzipiert Plakate, Einladungen und Werbeprospekte für «Good News» und für die NZZ, er gestaltet… Wenn Otto Kohler endlich freie Zeit findet, dann arbeitet er. Als Maler.

Keine Quartier-Latin-Ambitionen. Doch als einen Artist, der an Vernissagen bei einem Glas Wein small talk, will sich der fünfzigjährige Grafiker nicht sehen. Quartier Latin und ähnliches war nie seine Welt: «Das Leben nur unter Künstlern und ihren Managern hat mich nie angezogen», winkt er ab. Er malt, weil es ihm Freude macht, weil er sich gerne zwischen zwei Welten bewegt – jener der Presse und jener der Kunst. Die eine gewährt Distanz gegenüber der anderen und umgekehrt. Und sie befruchten sich gegenseitig.

«Vor lauter Leben explodieren» In der Welt der künstlerischen Langsamkeit, Bedächtigkeit und Introvertiertheit arbeitet er hastig, voller Ungeduld. Einen Pinselstrich nach dem anderen setzt er auf die Leinwand, ohne zu korrigieren. Diese Technik hat er der japanischen Kalligraphie entnommen und verinnerlicht. «Dort setzt man einen Strich mit der Tusche entschieden aufs Papier. Übermalen kann man nichts.» «Ich bin sehr ungeduldig, wenn ich male», Ô. Colères Finger trommeln wie zur Bestätigung seiner Worte nervös auf die Tischplatte, «weil ich genau weiss, was ich will.» Er will eine Welt voller Farben und Menschen: «Die Farbe ist für mich das Synonym fürs Leben. Ich möchte meine Bilder vor lauter Leben explodieren sehen.» Farbenfroh und lebendig hat Ô. Colère seine Wohnung in Ammerswil AG gestaltet – gelb bis rot leuchten alle Räume: «Ich hab's gerne schrill.»

Geduld in der Medienwelt üben. In der Welt der schnellebigen, hektischen Medien hingegen heisst Kohlers Motto: Farbe bremsen und Geduld üben. Seine Illustrationen dürfen zwar in intensiven Farben leuchten, bei den Layouts gilt es aber grundsätzlich, sich zurückzuhalten. «Mit dem Layout gibt man schliesslich einer Zeitung ein Gesicht.» Beim Gestalten einer Zeitung muss er Rücksicht auf Text und Bild nehmen, auf das Profil des Blattes, auf Publikumsgewohnheiten. «Nach der grafischen Umgestaltung bei der Neuen LZ haben wir Beschwerden erhalten, dass die Schrift verkleinert wäre. Dabei wurde nur das gewohnte Erscheinungsbild etwas verändert.»
In der technisierten Pressewelt zeichnet er immer noch gern von Hand, probt, sucht und korrigiert.

Zufällig. Grafiker war Otto Kohler nicht immer – so wie Ô. Colère erst seit vierzehn Jahren malt. Aufgewachsen im jurassischen Tavannes bei Biel – «ein Uhrmacherdorf» –, schloss er zuerst das KV ab und arbeitete bei der SBG. Bis eine künstlerische Dorfautorität seine plastische Begabung entdeckte und ihm die Idee in den Kopf einpflanzte, sich als Maler zu versuchen. Obwohl die Aufnahmeprüfungen für die Kunstgewerbeschule schon vorbei gewesen waren, schaffte er es doch noch. Typographie gehörte während der Ausbildung nie zu seinem Lieblingsfach. Trotzdem stieg er nach dem Abschluss in die Zeitungswelt ein: «Es war ein Zufall mit Folgen.»

Menschen und Technik. Die Kunst- und die Zeitungswelt verbinden Brücken. Die eine ist das Interesse für Menschen: «Ich arbeite und projektiere selbständig, aber nicht alleine. Die Zusammenarbeit mit Fotografen und Journalisten ist mir sehr wichtig. Und ich fühle mich in diesem Pressekuchen sehr wohl.» Menschen füllen auch seine Bilder. Silhouetten, Gesichter, Profile, statisch und in Bewegung, getroffen auf Reisen oder im Alltag, festgehalten mit Acryl auf Leinwand. «Züri Samschtig namitag» ist ein Bild betitelt, «Cycliste à Pondicherry» ein anderes. Verbindung schafft auch Kohlers Begeisterung für die neue Technologie. Die Technik, das Arbeitswerkzeug von Otto Kohler in der Pressewelt, welches das professionelle, moderne Outfit erst ermöglicht, fasziniert auch Ô. Colère in dessen Freizeit. Obwohl er vergangenen Sommer seine Bilder im realen Atelier 3 in Zürich ausstellte, entwarf er eine eigene Virtual Gallery im Internet. «Mondes» – wie könnte es anders sein – ist diese Ausstellung betitelt, in der fünfzehn zwischen 1985 und 1996 entstandene Bilder farbig flimmern. «Ich sehe die technische Entwicklung auch für meine Malerei als Chance», sagt Ô. Colère. Es sei wichtig, stets nach neuen Kanälen und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, nach Verbindung zwischen Technik, Kunst und Mensch. Gern würde er deshalb Briefmarken entwerfen. Artistische Briefmarken über Kunstthemen oder, noch besser, mit Köpfen von den eidgenössischen Bundesräten. Auf keinen Fall Sport.

Gesamtprodukt mit vielen Zutaten. Wie in der Pressewelt bringt Ô. Colère Bilder und Texte in einen Zusammenhang. «Sowohl die Zeitung als auch die Kunst sind immer Werke mit vielen Einzelzutaten», erklärt er, «erst das Gesamtprodukt wirkt.» Bilingue aufgewachsen, trägt er auch dieser Gewohnheit Rechnung. Mindestens dreisprachig – Französisch, Deutsch und Englisch, manchmal Niederländisch – flimmert es in der virtuellen Galerie. Damit jeder in der vernetzten Welt etwas über die Bilder erfährt – und über Ô. Colère. Also reingeschaut und gestutzt: «Das Malen ist mit den Göttern flirten, ohne sie zu sehen. Sie hingegen sehen euch und lachen sich krumm.»
Virtual Gallery: www.ocolere.ch